troubling research
performing knowledge in the arts
Skip to content
  • about
    • about – long version
  • authors & threads
    • Gangart – coop. cooperations across borderlines
    • Johanna Schaffer – what is it that makes research in the arts so different, so appealing?
      • interview ausschnitte
      • interview excerpts english
      • download interview booklet
    • Johannes Porsch – Observers and Messengers
    • Stefanie Seibold – The (re-)staging of past avant-gardes and text/image installations
    • Tom Holert – Research as a Mode of Operation
      • bio
    • Axel Stockburger – Language-based Expert Knowledge in Contemporary Mass Media Narrative Franchises
    • Carola Dertnig – Dance, Reports, Happenings and other Things
      • bio
    • Diedrich Diederichsen – ReSearch & Destroy
  • links
  • impressum
  • events
    • events
  • downloads
« Research in China – WUXIA
Interview Ausschnitt: Gangart »

coop. cooperations across borderlines

By gangart | Published: February 24, 2011

Die im Folgenden kurz gefaßte Darstellung beschreibt einerseits den Kontext eines historischen Moments in der Entwicklung der Psychiatrie – die Um- und Durchsetzung der Konzepte einer demokratischen Psychiatrie im Italien der 1970er Jahre – und die groben biographischen Linien des Künstlers Ugo Guarino, der zwischen 1972 und 78 mit seiner Arbeit einen Beitrag zu ebendiesem Umbruch geleistet hat. Im Schnittpunkt dieser beiden Stränge befindet sich ein Raum, in dem die Akteure sich entschieden hatten, die eingrenzenden Regeln ihrer professionellen Herkunft außer Kraft zu setzen und die Probleme im Umgang mit psychischen Krankheiten aus der Praxis einer Zusammenarbeit (und dies wurde gesamtgesellschaftlich aufgefaßt) zu bewältigen. Ausgehend von diesem Modell sich auszusetzen, Normen – ideologische, professionelle, legistische usw. – zu negieren und dadurch Wissen und Strukturen zu entwickeln, untersuchen wir in weiterer Folge punktuell andere Arbeitskontexte in Ugo Guarinos Schaffen, die von Überschreitung geprägt sind. Dabei finden sich Querverbindungen zwischen wissenschaftlichen, künstlerischen und publizistischen Aktivitäten und Akteur_innen, die ein Netzwerk von orts- und zeitspezifischen Ideen erahnen lassen, dessen erste exemplarische Maschen wir im Rahmen dieses Projektes zu knüpfen beginnen. Auf der anderen Seite widmen wir uns der Kritik, die die Entwicklungen nach der Gesetzwerdung der “Auflösung der Irrenhäuser” mit sich gebracht haben und möchten damit das wenig auf die Folgen eingehende Bild der Demokratischen Psychiatrie in einer breiteren Rezeption und zB im Kunstkontext ergänzen (vgl: (1) Dora García / Mad Marginal, 2010).

Demokratische Psychiatrie Von Italien ausgehende radikale psychiatrische Reformbewegung, die eine vollständige Wiedereingliederung psychisch Kranker und anderer Randgruppenangehöriger in eine Gesellschaft fordert, die sich ihrerseits in Richtung auf Demokratie und soziale Gerechtigkeithin entwickeln soll. In der Wiedereingliederung der Ausgegrenzten sieht die DP zugleich eine Chance für das Ingangkommen solcher gesellschaftsverändernder Prozesse. Die aus den Anstalten ins »Territorium« zurückgeholten »Irren« sollen als »Sand im Getriebe« der – für die Kapitalverwertung unabdingbaren – gesellschaftlichen Normierungserwartungen fungieren und dadurch einen Prozeß der Reflexion über die strukturelle Gewalt des Systems anstoßen. Die Rückkehr des ehemaligen »Anstaltspatienten« in die Außenwelt kann durchaus dazu beitragen, die vom System gewollte Eindimensionalität der Welt offenkundig zu negieren. Dann würde seine bloße Präsenz zur Infragestellung des Systems beitragen (Basaglia 1968/1971). Seine Wurzeln hat das Gedankengut der DP in Gramscis Ideen zur Zivilgesellschaft, in den auf Randgruppen zentrierten Revolutionstheorien Marcuses, in der Institutionskritik Goffmans, in Foucaults Analysen der Ausgrenzung des Wahnsinns als »Unvernunft« sowie schließlich auch in der britischen Antipsychiatrie (Laing und Cooper). Erich Wulff, in: HKWM 2, 1995, Spalten 551-555 source: (2)

2 story lines

Franco Basaglia übernimmt 1972 die Leitung der psychiatrischen Anstalt San Giovanni in Triest und betreibt gemeinsam mit seiner Frau, der Autorin Franca Ongaro, den Ärzten Franco Rotelli, Pepe Dell’Acqua, dem Psychiater Danilo Sedmak und einem engagierten Team das Projekt der Abschaffung psychiatrischen Spitäler.

…

Excerpt 1: Réseau di psichiatria, 1977 from troublingresearch on Vimeo.

Filmausschnitt Gianfranco Rados, 1977
…

Damit formulieren und praktizieren er und seine “Equipe” eine Auffassung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft, die mit zentralen Fragestellungen künstlerischer Produktion in den 1970er Jahren korrespondiert. Mit dem Erlaß des Gesetzes 180 vom 13. Mai bzw. 23. Dezember 1978 legge180, das die Schließung der Anstalten in ganz Italien anordnet, wird erstmals und bisher de facto einzigartig die grundlegende Forderung der antipsychiatrischen Bewegung umgesetzt, an der seit dem Beginn der 1960er Jahre neben den Psychiatern Ronald D. Laing, David Cooper oder Thomas Szasz  auch Michel Foucault und Felix Guattari  beteiligt waren – beide bis heute Eckpfeiler in der Theoretisierung von Kunstproduktion und -reflexion.

David Cooper und Felix Guattari am Reseau 1977

Das Umfeld in San Giovanni war daher ein logischer Verdichtungspunkt des Interesses künstlerischer Aktivitäten, Einflüsse und Veröffentlichungen: Dario Fo, der Free Jazzer Ornette Coleman, Michelangelo Pistoletto (Gabbia, 1974) oder die Dokumentarfilmer Raymond Depardon und Sophie Ristelhueber (San Clemente, 1982).

…

Excerpt 2: Réseau di psichiatria, 1977 from troublingresearch on Vimeo.

Filmausschnitt Gianfranco Rados, 1977: Dario Fo
…

Auf einer alltäglicheren Basis gab es künstlerische Beteiligungen am Projekt der “Auflösung der Irrenhäuser”. Einerseits war San Giovanni ein Ort regelmäßiger Besuche zahlreicher Fotograph_innen, deren Bildproduktion wesentlich zu einer breiten Akzeptanz der gesellschaftpolitischen Ansätze beigetragen hat.

Emilio Tremolada, Contact Sheet mit Aufnahmen von Utensilien aus San Giovanni

Zum anderen wurden von Künstler_innen in den sukzessive freiwerdenen Pavillons Ateliers und Proberäume eingerichtet, deren Arbeiten inhaltlich auf die Veränderungen in der Institution bezug nahmen oder die direkt in kollaborativer Praxis mit den “Utenti” der Anstalt umgesetzt wurden. So fand 1973 ein Umzug statt, bei dem unter der Anleitung von Giuliano Scabia ein vom Bildhauer Vittorio Basaglia mit anderen Kolleg_innen und Insass_innen der Anstalt angefertigtes Holz-Pferd mit dem Namen “Marco Cavallo” aus dem Gelände in die Stadt gerollt und damit ein Zeichen für den Anspruch an die Gesellschaft geschaffen wurde, das auch weiterhin als eine Art Logo für die Bewegung der Demokratischen Psychiatrie eingesetzt, reproduziert und auch andernorts weiter verwendet wurde.

…

Excerpt: Marco Cavallo, 1973 from troublingresearch on Vimeo.

Filmausschnitt Marco Pozzar, 1973: Marco Cavallo
…

An dieser Aktion am Rande beteiligt, aber sonst vornehmlich im Pavillon Q tätig war der Maler, Bildhauer, Grafiker und Illustrator Ugo Guarino. Zwischen 1972 und 78 reiste er jede Woche für drei Tage aus Mailand, wo er an der Scuola Media Statale via Cagliero unterrichtete, an, um in San Giovanni seine Projekte zu realisieren und in Absprache und zT in Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter_innen der Anstalt mit und für die Insass_innen zu arbeiten.

…

Excerpt 3: Réseau di psichiatria, 1977 from troublingresearch on Vimeo.

Filmausschnitt Gianfranco Rados, 1977: Ugo Guarino und Vittorio Basaglia
…

Entstanden sind in dieser Zeit zB die einprägsame Skulpturengruppe “I testimoni”, eine Reihe von Wandmalereien und Beschriftungen, sowie die Arcobaleno-Blätter – Siebdruckvorlagen die von verschiedentlichsten Personen in der Anstalt und später auch in anderen Zusammenhängen bearbeitet wurden.

Darüberhinaus hat Guarino eine Vielzahl von Zeichnungen zum Alltag innerhalb der Anstalt und zu Fragestellungen von Kontrolle und Machtausübung angefertigt, die in Büchern und in im Eigenverlag der Anstalt publizierten Heften veröffentlicht sind. Einige davon, wie zB “Dentro / Fuori”, “La libertá e terapeutica” oder “Voglio un pettine” haben, ähnlich wie “Marco Cavallo”, einen die Demokratische Psychiatrie repräsentierenden Logo-Charakater bekommen.

Ugo Guarino wurde 1927 als Sohn einer kroatischen Mutter und eines aus dem Süden Italiens zugezogenen Vaters in Triest geboren. In den Jahren der Besatzungszone (1945-54) migriert eine Generation von jungen Intellektuellen in die Industriestadt Mailand, unter ihnen auch Guarino, wo sie einen losen aber regelmäßigen Kontakt halten und einander verbunden bleiben. Nach einigen Jahren als Maler in diesem Kontext beginnt Guarino schließlich als Korrespondent der ANSA in New York zu arbeiten, wo er über Dino Buzzatti und Leo Castelli in Kontakt mit u.a. Rauschenberg und Warhol kommt. Ende der 1960er Jahre kehrt er nach Europa zurück und lebt in Mailand. Seine wichtigster Arbeitskontext wird die Kooperation mit dem Corriere della Sera, die bis heute andauert. Weiters arbeitet er in Zusammenhängen, die die Entwicklung partizipativer Kunstprojekte ermöglichen: der Unterricht an Grund- und Mittelschulen, die Bewegung der Demokratischen Psychiatrie, oder die Beteiligung an autonomen Kunsträumen wie der “Fabbrica di Communicazione” in Brera.

Aus dieser Zeit stammen in Zusammenarbeit mit den namhaften Verlagen Rizzoli und Feltrinelli thematisch angelegte Bücher mit drastisch-anarchischen Zeichnungsserien, wie “Cuore” als Re-Interpretation des gleichnamigen Klassikers des italienischen Bildungromans (> cuore), “Zitti e Buoni” über staatliche Repressionsmechanismen im allgemeinen und im psychiatrischen Kontext im besondern, “La Psychoanalisi”. Seit einem Haushalts-Unfall vor drei Jahren lebt Ugo Guarino in einem betreuten Heim. Nach wie vor produziert er seine tägliche “Vignette” für die Rubrik “Lettere al Corriere”. Dies geschieht nach Jahrzehnten der Arbeit auf Honorarbasis nun in Form einer Anstellung bei der Zeitung. Im Zuge der Räumung seiner Wohnung, die er nicht mehr selbst überwachen konnte, sind einige Bestände ins Archiv des Corriere und des Rizzoli-Verlags verbracht worden, einiges wurde allerdings auch zerstört oder ist abhanden gekommen.

Download PDF
This entry was posted in Gangart, unthreaded and tagged ambivalence, archives, artistic research, Bad Hand, by law, collaboration, deistituzionalizzazione, drawings and diagrams, epistemic politics, Gangart, mnemosyne, multilingual, Psychedelia und Readymade, Re-Search and Destroy, thankyou, miss you, The Crying Commodity, troubling, Ugo Guarino, visual narratives, while drawing. Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
« Research in China – WUXIA
Interview Ausschnitt: Gangart »
  • Tags

    • Holert (9)
    • while drawing (7)
    • collage (7)
    • Re-Search and Destroy (7)
    • epistemic politics (18)
    • Porsch (10)
    • Armin Medosch (1)
    • Four of a Kind (1)
    • appropriation (9)
    • ambivalence (6)
    • Schaffer (8)
    • Diederichsen (3)
    • thankyou (1)
    • Ready-made Score (1=2) (9)
    • konkrete poesie (5)
    • cosplay (4)
    • mnemosyne (7)
    • drawings and diagrams (7)
    • global narrative franchises (4)
    • Ugo Guarino (1)
    • archive stagings (9)
    • artistic research (17)
    • The Inner Light (4)
    • convergence culture (5)
    • sheikh (1)
    • Dertnig (4)
    • by law (6)
    • visual narratives (15)
    • Gina Pane (2)
    • Jack! (2)
    • Gangart (3)
    • The Crying Commodity (8)
    • Simone Forti (2)
    • miss you (1)
    • research/ teaching/ performative art (13)
    • Bad Hand (9)
    • deistituzionalizzazione (15)
    • audio (2)
    • thankyou, miss you (6)
    • the form of theory (18)
    • Seibold (3)
    • multilingual (8)
    • archives (12)
    • Psychedelia und Readymade (5)
    • Adrian Rifkin (1)
    • collaboration (20)
    • Stockburger (6)
    • troubling (10)
  • Meta

    • Log in
...